„Parkinson ist die am schnellsten zunehmende neurodegenerative Erkrankung weltweit“
Die Innsbrucker Univ.-Klinik für Neurologie gilt seit vielen Jahren als Hochburg in der Erforschung und Behandlung der Parkinsonerkrankung. Atbin Djamshidian, Parkinson-Experte an der Medizinischen Universität Innsbruck, ist auch Mitorganisator des österreichischen Beitrags zum Welt-Parkinson-Tag. Diese Informationsveranstaltung der Österreichischen Parkinson-Gesellschaft findet am 10. April 2025 im Audimax der Medizin Uni Innsbruck statt und ist für alle Interessierten offen.
In Österreich sind rund 25.000 Menschen von Morbus Parkinson betroffen, die Zahl der jährlichen Neuerkrankungen steigt weltweit steil an. Bis heute ist Parkinson nicht heilbar, symptomatisch jedoch gut behandelbar. Mit medikamentösen und nicht-medikamentösen Therapien gelingt es, die Lebensqualität der Patientinnen und Patienten zu verbessern. Weil der Alltag für Betroffene – und damit sind auch betreuende Angehörige gemeint – trotzdem herausfordernd ist, veranstaltet die Österreichische Parkinson-Gesellschaft vor dem Welt-Parkinson-Tag einen Informationstag. Parkinson-Erkrankte, Angehörige und Interessierte haben Gelegenheit, sich direkt mit ÄrztInnen, PhysiotherapeutInnen und VertreterInnen von Selbsthilfe-Organisationen über den neuesten Stand der Forschung, Therapiemöglichkeiten und Maßnahmen zur Verbesserung der Lebensqualität auszutauschen. „Wichtig ist uns auch, der Krankheit das Stigma zu nehmen“, sagt Atbin Djamshidian von der Univ.-Klinik für Neurologie (Direktor: Stefan Kiechl). Wir haben den Neurologen zum Interview gebeten.
Herr Djamshidian, mit Medikamenten wie Levodopa lassen sich die Symptome von Parkinson gut behandeln. Warum ist Parkinson bis heute nicht heilbar?
Atbin Djamshidian: Neurodegenerative Erkrankungen, wie Morbus Parkinson sind komplexe Erkrankungen. Das heißt, es gibt nicht nur eine einzelne Ursache. Warum manche Menschen Parkinson bekommen und andere eben nicht, hängt von verschiedenen Faktoren ab, deren Zusammenspiel noch nicht geklärt ist. Neben einer genetischen Komponente dürften wohl auch Umweltfaktoren eine große Rolle spielen. Wir wissen zum Beispiel, dass Pestizide, etwa das Herbizid Paraquat, Parkinson-ähnliche Symptome hervorrufen können. Wir wissen auch, dass sekundäre Faktoren, wie etwa Schlafmangel oder Schichtarbeit schlecht sind für das Gehirn und neurodegenerative Erkrankungen insgesamt fördern. Erst wenn wir die Ursachen besser verstehen, könnte eine heilende Therapie entwickelt werden.
Wenn externe Faktoren eine Rolle spielen, könnte man dann daraus schließen, dass es auch vorbeugende Maßnahmen gibt?
Djamshidian: Ein gesunder Lebensstil ist zur Vorbeugung neurodegenerativer Krankheiten grundsätzlich wichtig. Vor allem bei der Alzheimererkrankung wirken sich präventive Maßnahmen positiv aus – bei den über 80-Jährigen nimmt die Inzidenz ab, Alzheimer tritt ab diesem Alter inzwischen also seltener auf. Seit wenigen Jahren sehen wir aber auch, dass Parkinson die am schnellsten steigende neurodegenerative Erkrankung weltweit ist, und wir wissen nicht, warum. Wir sehen auch, dass all jene Parkinson-Erkrankten, die fit sind, die Muskelkraft haben, die eine Physiotherapie machen, die ein Ausdauer-, Koordinations- oder Feinmotorik-Training machen, die eine Logopädie oder ein Stimmtraining machen, einen positiven Effekt auf ihren Krankheitsverlauf erzielen. Auch eine frühe Diagnose kann den Krankheitsverlauf günstig beeinflussen. Ein besonderer Fokus der Forschung liegt deshalb auf der Identifikation von blutbasierten Biomarkern, die schon viele Jahre vor den ersten Symptomen das Risiko, an Parkinson zu erkranken, anzeigen können. Eine frühzeitige medikamentöse Intervention könnte idealerweise den Ausbruch der Erkrankung verzögern oder gar verhindern.
Die Riechstörung und die REM-Schlaf-Verhaltensstörung haben sich bereits als frühe Anzeichen von Parkinson etabliert. Kennen wir auch andere Vorboten oder Tests?
Djamshidian: Wir wissen, dass oft viele Jahre vor Ausbruch der Parkinson-Erkrankung unspezifische, nicht-motorische Symptome auftreten können, etwa Verstopfungen oder Depressionen. Es gibt tatsächlich auch Marker in der Bildgebung, etwa im strukturellen MRI, wo man Basalganglien, also bestimmte Hirnfunktionen, untersuchen und dann berechnen kann, ob diese Person ein erhöhtes Risiko hat. Und mit der sogenannten DaTSCAN-Technologie – die Abkürzung steht für das nuklearmedizinische Untersuchungsverfahren Dopamintransporter-Szintigraphie – kann gemessen werden, wie viel Dopamin im Gehirn ausgeschüttet wird. Es werden derzeit auch neue Methoden, wie RT-QuIC (Real-Time Quaking-Induced Conversion), erprobt. Dieses Verfahren zur Diagnostik von Prionenerkrankungen könnte geeignet sein, in geringen Mengen von Gehirnflüssigkeit, vielleicht sogar über einen Nasen- oder Hautabstrich, nachzuweisen, ob eine Veranlagung für Parkinson besteht oder nicht. Diese Tests könnten bald auf den Markt kommen.
Sie forschen an der Innsbrucker Univ.-Klinik für Neurologie und sind auch klinisch tätig. Wie gehen Sie bei Diagnose und Behandlung vor?
Djamshidian: Nach detaillierter Anamneseerhebung, dem Vorfinden der Kardinalsymptome – zum Beispiel Muskelsteifheit, Ruhe-Zittern, Feinmotorik-Störung, einer leisen Stimme, einem sogenannten Masken-Gesicht –, der anschließenden Labordiagnostik und einer zerebralen Bildgebung zum Ausschluss sekundärer Ursachen, wird die Diagnose erstellt. Sprechen all diese Befunde für Parkinson, dann ist die wichtigste Frage für die Lebensqualität der Betroffenen: Stören Sie diese Symptome? Möchten Sie ein Präparat einnehmen? Wenn ja, dann klären wir auf, dass Levodopa, der Goldstandard in der medikamentösen Therapie, dreimal am Tag eingenommen werden muss, dass andere Präparate nur einmal täglich genommen werden müssen, dafür aber schwächer wirken. Wir stellen auch nicht-pharmakologische Maßnahmen vor sowie die Möglichkeit, an einer Studie teilzunehmen. Je nach den individuellen Wünschen, machen wir einen Therapievorschlag. Die Zustimmung der Patientinnen und Patienten ist das Wichtigste.
Kommt es tatsächlich vor, dass sich Patientinnen und Patienten gegen Medikamente entscheiden?
Djamshidian: Ja, es gibt Menschen, deren Krankheitsgefühl sich mit der täglichen Einnahme von Tabletten verschlechtert. Der Fokus der Behandlung muss auf der Lebensqualität der Patientinnen und Patienten liegen. Parkinson ist eine langsam voranschreitende Erkrankung. Wer sich gegen Medikamente, aber für sportliche Aktivität, Physiotherapie oder andere nicht-pharmakologische Maßnahmen entscheidet, kann mitunter das Fortschreiten der Erkrankung ebenso verlangsamen.
Wie sehr trifft die Diagnose Parkinson die Angehörigen der Erkrankten?
Djamshidian: Wir binden Angehörige jedenfalls eng in das Management der Erkrankung ein, sie spielen auch eine zentrale Rolle bei der Wahrnehmung von Symptomen und Veränderungen bei den Erkrankten. Auch seelische Begleiterscheinungen wie Depressionen und Angstzustände verschlechtern die Lebensqualität von Erkrankten wie von Angehörigen, gerade auch im fortgeschrittenen Krankheitsstadium. Deshalb ist es wichtig, dass sich Angehörige rechtzeitig Hilfe holen, um entlastet zu werden. In Österreich und in Tirol ist das soziale Angebot dafür sehr gut. Auch die Informationsveranstaltung der Österreichischen Parkinson-Gesellschaft am 10. April hier bei uns an der Med Uni Innsbruck soll dazu beitragen, den Alltag der Betroffenen zu erleichtern.
Wir richten uns an Patientinnen und Patienten, deren Angehörige und an alle, die mehr über Parkinson wissen wollen. Unser Ziel ist es, auf die Häufigkeit neurodegenerativer Erkrankungen aufmerksam zu machen und Parkinson das Stigma zu nehmen.
(2. April 2025, das Interview führte D. Heidegger, Foto: D. Bullock)
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