US-Forscherin Lindsay Hohsfield will „an der Front aktiv gegen Alzheimer kämpfen“

(Foto: MUI/D. Bullock)
Lindsay Hohsfield hat als Postdoc in Kalifornien die Route entdeckt, die Immunzellen nutzen, um ins Gehirn zu gelangen. An der Gemeinsamen Einrichtung für Neurowissenschaften der Medizinischen Universität Innsbruck will die APART-USA-Stipendiatin einen Weg finden, um Alzheimer zu heilen.
„Alzheimer ist ein zerstörerischer, fürchterlicher Weg, zu gehen. Du verlierst deine Erinnerungen. Am Sterbebett bist du nicht von deinen Liebsten umgeben, sondern von Fremden. Beziehungen zerbrechen, Familien werden entzweit“, sagt Lindsay Hohsfield. Wenn sie über Alzheimer spricht, wird sofort klar: Sie will die Krankheit heilen. Sie meint es ernst, ist motiviert, leidenschaftlich. Sie ist vor allem aktiv auf wissenschaftlicher und auf gesellschaftlicher Ebene engagiert. Sie weiß, dass beide einander bedingen.
Für mehr Studien und gegen Wissenschaftsskepsis
Sie weiß es als US-amerikanische Forscherin in einer Zeit, in der die Finanzierung von Forschung am seidenen Faden hängt und viele Menschen mit Argwohn auf Wissenschaft blicken. Sie kennt die Herausforderungen aber auch als betroffene Angehörige. In sehr jungen Jahren hat Hohsfield ihren Vater an die Krankheit verloren. Forscher:innen müssten aus ihrer Komfortzone herauskommen, den Leuten gegenübertreten, ihnen erklären, was sie machen, sagt sie. „Das Labor ist mein ,happy place‘, aber ich habe erkannt, dass ich rausgehen muss. Ich habe den Eindruck, dass immer weniger Menschen verstehen, was Wissenschaft bringt. Das reflektiert die Politik mit der Kürzung von Förderungen. Wir müssen auch mit den betroffenen Familien sprechen, uns für sie einsetzen, damit sie an Studien teilnehmen und dabeibleiben. Wir brauchen Studien, um Alzheimer zu heilen. Ich bin sicher, dass wir nicht weit davon entfernt sind, aber wir brauchen Studien“, sagt sie eindringlich.
Diese Studien möchte Hohsfield künftig von Innsbruck aus durchführen. Seit dem 15. Mai ist sie an der Gemeinsamen Einrichtung für Neurowissenschaften unter der Leitung von Georg Dechant mit dem Aufbau einer eigenen Arbeitsgruppe beschäftigt. Irgendwann, so ihre Vision, soll in der Alpenstadt „ein wundervolles Zentrum für Betroffene von Alzheimer und deren Familien“ entstehen.
Rückkehr nach Innsbruck
Hohsfield, die in den vergangenen Jahren an der University of California in Irvine geforscht hat, ist 2025 mit einer aufsehenerregenden Publikation im Journal of Neuron der Durchbruch als Forscherin gelungen. Dass die Österreichische Akademie der Wissenschaften gleichzeitig das APART-USA-Stipendium für herausragende Postdoktorand:innen aus den USA ins Leben gerufen hat, sieht sie als glücklichen Zufall. Mehrere Universitäten hätten ihr eine Stelle als Assistenzprofessorin geboten, erzählt Hohsfield. Jetzt richtet sie in Innsbruck ihr Labor ein. Die für vier Jahre angelegte Finanzierung mit einer halben Million Euro erlaubt ihr auch, eine Doktorandin oder einen Doktoranden zu beschäftigen. „Das APART-USA Programm gibt mir die Chance, als Wissenschafterin den nächsten Karriereschritt zu machen, um unabhängig zu werden. Österreich und Europa haben mit dem Programm die Möglichkeit, wissenschaftlich aufzusteigen. Ich habe meinen PhD hier gemacht, ich weiß, wie intelligent die Leute hier sind und welch großartige Arbeit gemacht wird“, beschreibt sie eine Win-Win-Situation. „Es passt einfach alles zusammen und ich passe gut hierher.“
Aufgewachsen am Fuße der Rocky Mountains in Colorado sind ihr die Berge nicht neu – und auch sonst kennt sich Hohsfield, die sich selbst als „mountain girl“ sieht, in Innsbruck bestens aus. Sie kam 2010 zunächst für ein Jahr mit einem Fulbright Stipendium nach Innsbruck. Sie verliebte sich in Innsbruck und in ihren heutigen Ehemann und schloss 2014 ihr PhD-Studium hier ab. Zwölf Jahre später möchte das Paar dem dreijährigen Sohn ermöglichen, auch seine österreichischen Wurzeln kennenzulernen. „Mein Mann liebt sein Land und ich liebe meinen Mann“, sagt Hohsfield.
An der Medizinischen Universität Innsbruck werde sie von allen Seiten sehr unterstützt und ihr wissenschaftliches Interesse füge sich gut in den neurowissenschaftlichen Schwerpunkt. Lindsay Hohsfield beschäftigt sich mit den Interaktionen von Immunsystem und Gehirn. In der Studie, die im Journal Neuron veröffentlicht wurde, konnte sie die Route nachzeichnen, über die Myeloid-Zellen ins Gehirn einwandern. Sie nutzen die kleinen Blutgefäße der Hirnhäute und sammeln sich im Velum Interpositum. Damit trug sie wesentlich zur Klärung der Frage bei, ob Immunzellen die Blut-Hirn-Schranke überwinden können. „Es stellt sich immer mehr heraus, dass der Raum zwischen Schädel und Gehirn ein regelrechter Knotenpunkt für Immunzellen ist“, sagt die Forscherin, die hofft, über die Immunzellen einen Angriffspunkt für Therapien zu finden.
Youngtimers: Forschung für junge Betroffene
Dafür setzt sie bei den Betroffenen an, die an einer frühen Form von Alzheimer erkranken. „Das ist eine kleine Population. Aktuelle Schätzungen gehen von rund 142.000 betroffenen Menschen weltweit aus. Es sind junge Menschen, die mitten im Leben stehen, die Kinder erziehen, die emotional, sozial und finanziell sehr betroffen sind“, sagt sie. Für die Forschung sei diese Gruppe besonders wertvoll, weil an diesen Patient:innen die Erkrankung sehr gut studiert werden könne. Die Verläufe seien ident mit jenen von den älteren Betroffenen, aber ohne die typischen kardiovaskulären Begleiterkrankungen des Alters. „Ich bin überzeugt davon, dass der oder die erste Überlebende von Alzheimer aus dieser Community kommen wird.“ Mittlerweile kenne sie unter den jungen Patient:innen bereits eine Handvoll, bei denen die Krankheit allen Berechnungen zufolge längst ausgebrochen sein müsste, weil ein Eltern- und ein Großelternteil im exakt selben Alter krank wurde. Da sie aber seit einigen Jahren eine Therapie erhalten, hätten sie bisher noch gar keine Symptome.
Solche Erfolgsgeschichten kennt sie auch, weil sie in den USA für Menschen, die in jungen Jahren an Alzheimer erkranken, die gemeinnützige Organisation Youngtimers gegründet hat. „Ihnen zu helfen kommt aus meinem tiefverwurzelten Bedürfnis, das Leben für diese Familien zu verbessern, aber es ist mir auch ein Bedürfnis als Wissenschafterin. Wir können diese Leute testen, um zu sehen, ob sie die krankheitsauslösende Mutation haben. Das bedeutet, wir können sie Jahrzehnte bevor die Krankheit ausbricht bereits therapieren. Aber niemand spricht über diese Youngtimers. Das Problem sind fehlende Ressourcen.“ Das möchte sie mit der Non-Profit-Organisation ändern und daran arbeitet sie auch in Österreich weiter. „Wir wollen diese Familien unterstützen und ihnen emotionale, mentale und finanzielle Erleichterung schenken und wir wollen ihnen die Möglichkeit geben, an Studien teilzunehmen, um dem Schrecken dieser Krankheit irgendwann einmal ganz zu entkommen.“
(13. Juli 2026, Text: T. Mair, Foto: MUI/D. Bullock)
Weitere Links:
ÖAW-Interview: Alzheimer’s research between the USA and Austria (englisch)
Youngtimers.org
Gemeinsame Einrichtung für Neurowissenschaften