Interaktiv zum Überblick: Neue Wege für die Lehre

Die Vorlesung, das traditionsreichste Lehrformat an Universitäten, soll an der Med Uni Innsbruck überdacht werden. Vor allem seit der Pandemie sind immer weniger Studierende in den Hörsälen, online gibt es unzählige Lehrangebote (allerdings sehr unterschiedlicher Qualität) für den Stoff des Medizinstudiums. Bei den Curricula Days wurde über Alternativen zur klassischen Vorlesung diskutiert. Im Rückblick darauf ein Gespräch über die Vor- und Nachteile der Vorlesung und wie Lehrformate weiterentwickelt werden können.
Interaktiv, mit Fallbeispielen, als Ort für Diskussionen: So könnten die Lehrveranstaltungen der Zukunft aussehen. „Die Vorlesung hat Tradition, sie hält sich dank Anpassungen seit vielen Jahrhunderten an den Universitäten und auch jetzt ist eine Zeit des Umbruchs“, so Wolfgang Prodinger, Vizerektor für Lehre und Studienangelegenheiten der Med Uni Innsbruck. Das Format der Wissensvermittlung, das im Medizinstudium hier flächendeckend 20 Vorlesungsstunden pro Woche vorsieht, sei zu überdenken. „In Vorlesungen geht es nicht nur darum, dass Stoff vermittelt wird – auch wenn das oft unterstellt wird. Lehrende sollen in ihren Lehrveranstaltungen eine Übersicht geben, und klinisches und wissenschaftliches Denken vermitteln sowie Raum für einen kritischen Diskurs bieten, das ist die Stärke von Vorlesungen. Dafür braucht es vielleicht nicht 20 Stunden. Denn der Großteil des Lernprozesses erfolgt im Selbststudium – damals wie heute.“
Bei den Curricula Days im April 2026 haben auf Initiative von Nadja Kührer als Studierendenvertreterin in der Curricularkommission Lehrende und Studierende der Med Uni Innsbruck im Austausch mit externen Vortragenden nach neuen Lehrmethoden als Alternativen zur klassischen Vorlesung gesucht. Gemeinsam wurde diskutiert, wie der Lernprozess der Studierenden besser unterstützt werden kann. Im Rückblick auf die zweitägige Veranstaltung sprachen Wolfgang Prodinger, Judith Lechner, Studiengangsleiterin der ersten sechs Semester des Humanmedizin-Studiums, und die Studentin Nadja Kührer über Gegenwart und Zukunft der Lehre.

Pandemie als Beschleuniger für Veränderung
Die Zahl der Studierenden, die in den Hörsälen Platz nimmt, sinkt, vor allem, aber nicht erst seit der Corona-Pandemie, als sich plötzlich zeigte, was technisch möglich ist. Ein Teil der Vorlesungen steht inzwischen als Videoaufzeichnung zur Verfügung. „Das kann wertvoll sein, hängt aber stark vom Vortragenden ab“, berichtet Nadja Kührer von ihren Erfahrungen als Studentin. „Jedenfalls kann ich mir eine Sequenz mehrmals anhören, das ist gut fürs Verständnis“, so Kührer, die die Videos wie viele Studierende vor allem zur Prüfungsvorbereitung nutzte. Der Aufwand, etwas zu verstehen, bleibt, egal mit welchem Medium.
„Dass Studierende oft nicht in die Vorlesung gehen, liegt auch an den Rahmenbedingungen“, unterstreicht Kührer außerdem. „In Innsbruck ist das Leben teuer, viele Studierende müssen Geld verdienen und legen ihre Arbeitsstunden auf die Zeit der Vorlesungen, um dann für Praktika und Famulaturen frei zu sein.“ Dieser Umstand wurde von den Vertreter:innen der Studierenden auch bei den Curricula Days mehrmals betont.
Vom passiven zum aktiven Lehrformat
„Die Frage ist nicht so sehr, wie man die Studierenden in den Hörsaal zurückbringt, sondern wie man Lehre neu gestaltet, so dass die Interaktionen zwischen Lehrenden und Studierenden möglichst wertvoll sind – das ist der Fall, wenn die Studierenden selbst aktiv sind und nicht, wenn nur die Lehrenden frontal etwas erklären“, fasst Judith Lechner (Institut für Physiologie, Direktorin: Michaela Kress) ihre Einschätzung zusammen.
Für die Vermittlung des Lernstoffs gebe es viele Alternativen, etwa durch interaktive Online-Lerntools, zum Beispiel über die Lernplattform Moodle, so Lechner. Kührer verweist zudem auf Plattformen, die Eselsbrücken, Erklärvideos oder Skriptensammlungen anbieten – alles maßgeschneidert für das Medizinstudium. Zum Erlernen von klinischen und wissenschaftlichen Problemlösekompetenzen sei aber die persönliche Interaktion zwischen Lehrenden und Studierenden keinesfalls ersetzbar. Die Studentin Nadja Kührer erläutert das mit einem Beispiel: „Ab welchem HbA1c-Wert ich welche Diabetesmedikamente gebe, kann ich auswendig lernen, aber das vergisst man schnell wieder.“ Lechner ergänzt daher: „Wenn das mit einem konkreten Fallbeispiel samt Diskussion in der Gruppe verbunden ist, entsteht ein größerer Lerneffekt.“ Deshalb kämen auch Wahlfächer als interaktive Formate mit Fallbesprechungen gut an.
Präsenzlehre unter neuen Vorzeichen
„Grundsätzlich schätze ich die Sinnhaftigkeit von Präsenzlehre sehr hoch ein“, so Lechner. „Ich kann mir nicht vorstellen, wie man ein Medizinstudium komplett für sich alleine zu Hause schaffen kann. Abgesehen von den praktischen Fertigkeiten, die man ohnehin vor Ort üben muss, brauchen Studierende bei der Anwendung ihres Wissens auf Fallbeispiele die Unterstützung der Lehrenden.“
„Es gab bei den Curricula Days von den Anwesenden allseits die Bereitschaft, unsere Lehrformate anzupassen”, erläutert Vizerektor Prodinger, „dies ist auch eine Generationenfrage.“ Die Frage nach der Zukunft des Medizinstudiums gehe ohnehin über die reine Wissensvermittlung hinaus, betont der Vizerektor: „Es ist ein disruptiver Moment, Stichwort Künstliche Intelligenz. Das heißt, wir müssen bereit sein, uns kontinuierlich anzupassen. Und das wird die Herausforderung werden, nicht nur in der Medizin, sondern in der gesamten Gesellschaft.“
(06.07.2026, Text: P. Volgger, Bilder: MUI/D. Bullock, P. Volgger)